Der Brocken – (k)ein Blocksberg?

Ihr Urlaubserlebnis im Harz:

Der Brocken – (k)ein Blocksberg?

Oder: Der Versuch, aus einem einfachen Berg einen Hexenberg zu machen – eine historische Darstellung.

Dass der Brocken ein magischer Berg, ein Hexenberg, sein soll, ist mindestens Deutschland weit bekannt. Doch was steckt hinter dem Mythos „Blocksberg“? Seit Goethe und seinem Faust ist der Harzer Brocken ein Versammlungsort für Hexen, Geister und Dämonen. Aber was war vor Goethe und seinem literarischen Meisterwerk? Kannte man schon vor Faust und der Walpurgisnachtszene den Brocken als Hexenberg? Die Antwort wird einige Harzfreunde womöglich enttäuschen: In der Zeit des 16. und 17. Jh. war der Brocken relativ unbedeutend. Sogar zur Zeit der Hexenverfolgung hat der Brocken nur vereinzelt eine Rolle gespielt – wirklich etabliert als Ort für Hexenversammlungen war er nicht. Umso stärker suchte man im 19. Jahrhundert nach den Quellen des Blocksberg-Mythos im Harz. Mittelalterliche und frühneuzeitliche Schriften, in denen Blocksberg, Brochelsberge, Brocken, Brockis Barges oder Ähnliches vorkommen, wurden entsprechend gedeutet, um den Mythos vom Harzer Hexenberg begründen zu können. Doch dass nicht jeder Blocksberg der Brocken im Harz sein muss, hat schon im 19. Jh. Kritiker auf den Plan gerufen.

Konrad Hofmann (1819-1890) beschreibt eine mitteldeutsche Beschwörungsformel, die von Karl Felix Halm (1809-1882), dem Direktor der Bayrischen Akademie der Wissenschaften, entdeckt wurde (vgl. Hofmann 1867, S. 02). Die Beschwörungsformel ist als “Münchner Nachtsegen” bekannt. Die Entstehungszeit wird auf ca. 1300 geschätzt. Das für den Brockenhexen-Diskurs relevante Element dieser Quelle ist das Wort “Brochelsberge”. Hier verweist Hofmann in einer Fußnote auf das Deutsche Wörterbuch der Grimms und merkt an, dass mit dem Auffinden des Münchner Nachtsegens ein Dokument gesichert werden konnte, welches “etwa anderthalb Jahrhunderte” älter ist als die Quelle, auf die sich die Grimms beziehen, wenn sie vom Brocken im Harz sprechen (Hofmann 1867, S. 09 Fußnote 10).

Vom Wörterbuch der Grimms zu den historischen Dokumenten
Bei den Grimms ist zum Stichwort “Brocken” zu lesen:

“Zuerst taucht der name auf in einer geistlichen abhandlung aus der mitte des 15 jh. , die sich in Breslauer, Weimarer und Amorbacher hss. erhalten hat und in Hoffmanns schles. monatsschr. s. 753, in Kellers fastn. sp. s. 1463 und in Wolfs myth. zeitschr. 1, 6 ausgezogen ist (…).”
(Grimm & Grimm 1854, S. 394 f.).

Neben der geistlichen Abhandlung aus der Mitte des 15. Jahrhunderts verweisen die Grimms auf eine Urkunde aus dem Jahr 1581, in der vom “Brockensbarg” gesprochen wird. Die Gebrüder Grimm haben folgende Bezeichnungen für den Brocken gelistet: “Brockisberg”, Pruckelperg”, “Brückelsperg”, “Brockensbarg”, “Blocksberg”, “Brocken”, “Brocksberg”, “Brockelsberg”, “Brockersberg”. (vgl. Grimm & Grimm 1854, S. 394 f.).

Der Münchner Nachtsegen und der Diskurs des 19. Jh.
Der Münchner Nachtsegen stammt aus dem mitteldeutschen Gebiet und weist teilweise polnische Bestandteile auf (vgl. Von Grienberger 1897, S. 335). Sowohl Von Grienberger als auch Hofmann haben jeweils eine Transkription des mittelalterlichen Textes veröffentlicht. Von Grienberger bemerkt hierzu die “unsorgfältig(e) und unschön(e)” Handschrift aus der Entstehungszeit (Von Grienberger 1897, S. 335). Er erklärt, dass mit der Quellenaussage “unde zu dem Brockelsberge sin gerant” keine Geisterversammlung gemeint sei, sondern eine einmalige Auswanderung der alten Hausgeister. Diese sind gewissermaßen umgezogen – und zwar auf den Brockelsberge. Dort leben sie fortan. Der Brockelsberge wird damit zum ständigen Sitz der Geister (Von Grienberger 1897, S. 343). Von Grienberger warnt vor voreiligen Schlüssen, die man aus den Erzählungen über die Hexenversammlungen ziehen könnte und lehnt kategorisch einen Zusammenhang zwischen dem Münchner Nachtsegen und einer Vorstellung von geisterhaften Zusammenkünften am Brocken ab. Stattdessen sieht Von Grienberger im Münchner Nachtsegen eine Vermengung heidnischer und christlicher Paradigmen, indem er darleget, dass im Nachtsegen die einstmals guten Geister aufgezählt werden, welche durch das Christentum verdrängt wurden und sich auf dem besagten Berg niederlassen mussten (ebd.). Ob mit dem Wort „Brockelsberge“ bzw. „Brochelsberge“ wirklich der Brocken im Harz gemeint ist, konnte nicht abschließend geklärt werden.

Von Grienberger streitet jeden möglichen Zusammenhang zwischen der Etymologie des Brockelsberges und mythischen Elementen ab. Der Brocken bzw. Blocksberg (oder Brockelsberg, geht man davon aus, dass damit der Harzer Brocken gemeint ist) hat seine Bezeichnung durch die hiesige Landschaft erhalten. “Brockel” ist ein Vorläufer des Brockens. Das Wort kann auch als Adjektiv verwendet werden, was dann so viel wie gebrechlich bedeuten würde. Weiterhin führt er das Brockenfeld an, eine Bezeichnung für eine breite Sumpffläche mit starker Torfbildung sowie mit Mooren und Felstrümmern (Von Grienberger 1897, S. 344). Das Wort “Brockel” sieht er aus einer Übersetzung hergeleitet: In einer Osterwieker Aufzeichnung aus dem Jahr 1495 wird von einem “mons ruptus”. “mons ruptus” kann als “zerbrochener Berg” übersetzt werden. Von Grienberger sieht “Brockel” in der Tradition der germanischen und gotischen Sprache. In beide Sprachen gab es Wörter, die nicht nur ähnlich wie “Brockel” klingen, sondern auch Ähnliches bedeuten. Im Germanischen ist es das Wort “bruklaz” und im Gotischen das Wort “brukls”. Diese Wörter sind Substantive und Bezeichnungen für abgebrochene Stücke. Als Bergname könnten sie “ein isoliertes und nacktes Felsmassiv” bezeichnen (Von Grienberger 1897, S. 344). Die Form des Brockens wirkt gebrochen bzw. fragmentarisch. Der mythische Blocksberg wurde später aus dem Brockelsberg, dem gebrochenen Berg, hergeleitet, wobei eine “begriffliche Einmischung” stattgefunden haben wird, nämlich die Einführung des neuhochdeutschen “Block” in “Steinblock” oder “Felsblock” (Von Grienberger 1897, S. 345).

Nachtsegen und Wilde Jagd
Der Münchner Nachtsegen listet viele Geister und Gespenster auf, unter anderem auch “Wûtanes her und alle sîne man”, was den Bezug zur heidnischen Erzähltradition besonders deutlich hervorhebt. Der Münchner Nachtsegen wird dem Wilde Jagd-Diskurs zugeordnet. Bei der Wilden Jagd handelt es sich um einen Volksmythos über Erscheinungen am Nachthimmel, die als eine Jägergemeinschaft übernatürlicher Wesen interpretiert wurde. In Skandinavien kennt man die Wilde Jagd als Odins Jagd oder “Åsgårdsrei”, was so viel bedeutet wie “Fahrt nach Asgard”. In Mitteldeutschland gilt Frau Holle als Anführerin der Wilden Jagd.

Hofmann (1867, S. 163) ortet den Nachtsegen im Slawischen und sichtet eine Erzähltradition, die bis zur Edda reicht. Hierbei ist ein Wort im Vers 14 des Nachtsegens zu berücksichtigen, nämlich das Wort “zsunriten”, welches Hofmann als “Zaunritt” übersetzt (ebd.). Hofmann sieht seine Argumentation im alten Sittengedicht der Edda, dem Hávamál, begründet, da dort die fliegenden Wesen erstmals als “tunridur” vorkommen. Da die Mehrzahl der Erklärungsmodelle für “tunridur” nicht ausreichend genug ist, bezieht sich Hofmann auf den Diskurs der Wilden Jagd, um einen Bezug zwischen “tunridur” und der Edda sowie dem Münchner Nachtsegen herzustellen (vgl. Hofmann 1867, S. 165). Die grundlegende Gemeinsamkeit ist hierbei das Durch-die-Luft-Fliegen von Wesenheiten: in der Edda sind es die Tunridur, im Volksglauben die Teilnehmer der Wilden Jagd und im Nachtsegen die gelisteten Geister und Gespenster.

Hofmann – anders als Von Grienberger – argumentiert für den Brockelsberg als Hexenberg und bestimmt den Nachtsegen als älteste schriftliche Quelle, in der der Brocken erwähnt wird (vgl. Hofmann 1867, S. 167). Um einen Bezug des Brockelsberges zum Blocksberg zu bekommen, führt Hofmann Jacob Grimm an und schreibt: “(…) dass r statt l der ursprüngliche Laut ist (…)” (Hofmann 1867, S. 167). Weiterhin vermutet Hofmann, dass die Schreibweise mit einem R von einer falschen Ableitung von “mons Bructerus” stammen könnte. Hofmann gesteht allerdings, dass nicht ausschließlich der Harzer Brocken gemeint sein kann. Dazu bezieht er sich abermals auf Jakob Grimm, wenn er feststellt, dass die Bezeichnung “Blocksberg” bzw. “Brockelsberg” nicht nur den Harzer Brocken meint, sondern mehrere Berge in Deutschland so bezeichnet werden. Deswegen schränkt er auch eine übereilte Interpretation des Brockelsberges als Harzer Hexenberg ein.

Genau wie Von Grienberger sucht Hofmann nach einer natürlichen Erklärung für die Bezeichnung “Brockelsberge”. Er gelangt ins Isländische, wo das Wort “brok” Wolken berührende Berge meint. Es handelt sich um die höchsten Berge einer Gegend, an denen sich die Wolken sammeln – und das scheint auch für den Brocken zuzutreffen, welcher dann als “Wolkenberg” bezeichnet werden könnte (vgl. Hofmann 1867, S. 168). Das trifft auf alle höheren Berge zu. Im Schwedischen bedeutet “brok” so etwas wie “dunkler Fleck”. Auch das Dänische hat ein ähnliches Wort: “broget”, was so viel wie “bunt”, “verschiedenfarbig” oder “gefleckt” bedeutet. Hofmann folgert, dass das “brock” von der Wurzel “brik” abgeleitet wurde und das Stück einer größeren Wolke meint. “Brochel” ist die Verkleinerungsform, die im Oberdetuschen “brüchel” heißen dürfte. “Brochelsberge” würde demnach “Wölkchenberg” heißen (ebd.). Hofmann zieht damit eine Parallele zum schwedischen Hexenberg Blakulla, der seinen Namen ebenfalls aufgrund seiner physischen Erscheinung hat.

Ein Beichtbuch aus dem 15. Jh. und das Sassen- und Holsten-Recht aus dem 16. Jh.
Die Grimms gehen in ihrem Wörterbuch nicht auf den Münchner Nachtsegen ein, weil er für sie unbekannt war. Sie beziehen sich auf ein Beichtbuch aus dem 15. Jh., in welchem der Brocken als Blocksberg Erwähnung findet. Dieses Beichtbuch lag den Grimms auszugsweise vor. Sie schreiben:

“Zuerst taucht der name auf in einer geistlichen abhandlung aus der mitte des 15 jh., die sich in Breslauer, Weimarer und Amorbacher hss. erhalten hat und in Hoffmanns schles. monatsschr. s. 753, in Kellers fastn. sp. s. 1463 und in Wolfs myth. zeitschr. 1, 6 ausgezogen ist (…)”
(Grimm & Grimm 1854, S. 395). .

Bei der erwähnten “geistlichen Abhandlung” ist jenes Beichtbuch gemeint, welches von Heinrich H. von Fallersleben in dessen “Monatsschrift von und für Schlesien” vorgestellt wird. In dem Aufsatz hat Von Fallersleben neben einem alten Wurmsegen und einem alten Fiebersegen Auszüge aus dem Beichtbuch abgedruckt, um nachweisen zu können, wie sehr die Menschen in der ersten Hälfte des 15. Jh. noch an Segenssprüche geglaubt haben (vgl. Von Fallersleben 1829, S. 753). Von Fallersleben schreibt, dass in diesem Beichtbuch, welches zu seiner Zeit in der königlichen Bibliothek von Breslau aufbewahrt wurde, ein ganzes Kapitel den Aberglauben des 15. Jh. beinhalten würde. Als Abdruck ist zu lesen: “Alse pelewyfen, mülkenstelerynnen, (vnd die uff den brockissberg varen) (…)” Von Fallersleben führt diese Passage an, um aufzuzeigen, dass der Glaube an die Hexenfahrt ein alter Volksglaube gewesen war und betont, dass vor allem im Harz der Hexenflug zur Walpurgisnacht Allgemeingut des Volkglaubens war. Was die Hexen unter Folter gestanden haben, liegt nach Von Fallersleben in diesem Volksglauben begründet (vgl. Von Fallersleben 1829, S. 753 Fußnote 04).

Die Grimms nennen eine weitere Quelle, von der sie ausgehen, dass sie zu den frühsten gehört, in denen der Brocken als Hexenberg auftaucht. Dabei handelt es sich um eine Urkunde aus dem Jahre 1581 (vgl. Grimm & Grimm 1854, S. 395). Bei Dittmer (1843, S. 159) ist dann vom “Brockens Barge” zu lesen. Im Kontext der Urkunde kommen auch der Teufel, der Hexentanz und der Hexenflug als zentrale Motive vor (ebd.).

Der vorneuzeitliche Hexen-Diskurs – ein Überblick
Mit dem Münchner Nachtsegen und dem Beichtbuch aus dem 15. Jh., welches die Grimms erwähnen, liegen zwei Quellen vor, aus denen geschlussfolgert werden kann, dass es vor der Frühen Neuzeit bereits eine Erzähltradition gegeben haben muss, in der die Motive “Brocken” und “Hexe” miteinander verwoben wurden. Hierbei steht das Wort „Brocken“ nicht zwangsläufig für den Berg im Harz, denn eine eindeutige Benennung dieses Berges lassen die Quellen offen. Vielleicht ergibt ein Blick in das vorneuzeitliche Hexenbild weitere Erkenntnisse?!

Heidentum und Christianisierung
Im Mittelalter haben Vorstellungen aus dem Altertum bzgl. der Hexerei eine tragende Rolle gespielt. In vielen antiken heidnischen Kulturen gab es die Vorstellung von Schadenszaubern und kräuterkundigen Zauberinnen. Dieses Hexenmotiv ist mindestens seit der Antike bekannt. Besonders der Glaube an Schadenszauber war im Altertum weit verbreitet (vgl. Behringer 2010, S. 12). Die Furcht vor Schadenszaubern war groß, weshalb schadenzauberische Handlungen oftmals unter Strafe gestellt wurden. Trotz – oder gerade wegen – der Christianisierung hielten weite Teile der Bevölkerungsschichten an ihrem alten Glauben fest. So kam es beispielsweise 1090 bei Freising gegen den Willen der Kirche zur Hinrichtung von drei vermeintlichen Wettermacherinnen (ebd.). Die mittelalterliche Vorstellungswelt war durch ein Spannungsverhältnis von christlichen und heidnischen Glaubensinhalten geprägt. Die Christianisierung blieb auf äußere Handlungen von Bekehrungen reduziert. Die Menschen hielten entweder an den heidnischen Vorstellungen fest oder es wurden heidnische und christliche Elemente vermengt. Zwar verloren die heidnische Götter bis spätestens ins hohe Mittelalter ihre Bedeutung, aber mit dem heidnischen Glaubenssystem zusammenhängende Handlungen wurden weiterhin praktiziert. Ebenso spielten einzelne Vorstellungen des Heidentums weiterhin eine wesentliche Rolle im Volksglauben. Hier sei die Wilde Jagd, die Nachtfahrt der Unholde bzw. von Frau Huldie oder der Berchte zu nennen (vgl. Behringer 2010, S. 19). Gerade das Fliegen war ein weit verbreitetes Konstrukt. So erklärte bereits Regino von Prüm (840-915) den Glauben an nächtliche Fahrten (Flüge) von Frauen mit heidnischen Göttinnen zur “teuflischen Illusion” (Behringer 2010, S. 19). Galt der Hexenflug bei einigen Gelehrten als völlig unmöglich und Irrsinn, wurde er von anderen zumindest als Möglichkeit akzeptiert. Dass gerade das Motiv des Fliegens zentraler Gegenstand mittelalterlicher Hexenvorstellungen war, zeigen die Verhörprotokolle aus Ketzerprozessen, in denen Ekstasen und Flugvorstellungen bei den befragten Frauen vorkommen (vgl. Behringer 2009, S. 23).

Es lassen sich drei Motive der mittelalterlichen Hexenvorstellungen bestimmen, die in der Frühen Neuzeit eine Rolle gespielt haben und auch die Vorstellungen der Brockenhexen beeinflusst haben. Diese drei Motive sind der Hexenflug, die Schadenszauberei und ekstatische Zustände. Ein Bezug zum Brocken ist damit aber noch nicht gegeben. Es handelt sich um überregionale Vorstellungen. Weitere Motive sind der Teufelspakt und die großen Hexenversammlungen.

Hexen und Ketzerei
Erst um das Jahr 1400 etablierte sich die Vorstellung von Hexen, zu denen als feste Attribute der Teufelspakt, der Schadenszauber, der Geschlechtsverkehr mit dem Teufel, der Flug durch die Nacht und die Teilnahme am Hexensabbat gehörten (vgl. Behringer 2009, S. 35). Die Hexenversammlungen fanden auf höher gelegenen Landschaften statt. Das Konstrukt des Hexensabbats hat seine Wurzeln in den Gerüchten um Häretiker, die sich angeblich im Geheimen getroffen hätten, um Dämonen zu verehren. Diese Gerüchte wurden mit weiteren abschreckenden Elementen ausgeschmückt – so zum Beispiel mit Kannibalismusvorwürfen oder der Behauptung, die Häretiker würden sexuelle Orgien feiern. Weiterhin wurde behauptet, die Häretiker würden den Teufel anbeten, welcher in Tier- oder Menschengestalt selbst an der Feierlichkeit teilnehmen würde (vgl. Dillinger 2007, S. 64). Der Begriff “Hexensabbat” ist nicht zufällig gewählt, beinhaltet er doch das jüdische Wort “Sabbat” und legt nahe, wie sehr der Judenstereotyp die Hexenvorstellungen beeinflusst hat. Man warf nicht nur Ketzern die teuflischen Versammlungen vor, sondern auch den Juden – gerade im Hinblick auf das Wirken von Schadenszaubern (vgl. Behringer 2009, S. 36). Der Hexensabbat ist das Ergebnis der Vorstellung von teufelsanbetenden Ketzern und schadenzauberwirkenden Juden. Die Versammlungen – so der Glaube – wurden auf hohen und von menschlichen Besiedlungen entfernten Plätzen abgehalten (vgl. Klaniczay 1993, S. 33 f.)

Blocksberg und Hexenflug im Mittelalter
Die von den Autoren des 19. Jh. diskutierten Quellen “Münchner Nachtsegen” und “Beichtbuch”, in denen von einem Blocksberg-Motiv zu lesen ist, stehen exemplarisch für den zunehmenden Trend im Mittelalter, den Hexensabbat mit immer konkreteren Vorstellungen zu beschreiben. In diesem Zusammenhang steht auch die Walpurgisnacht, traditionell die Nacht vom 30. April auf den ersten Mai. Am Ende des Mittelalters und zu Beginn der Frühen Neuzeit mehrten sich die Beschreibungen von Hexenversammlungen. Typischerweise wird von einem großen Hexenfest erzählt, welches insbesondere auf dem Blocksberg, aber auch an anderen erhöhten Orten, stattgefunden haben soll. Ob und inwieweit der Brocken als regionaler Standpunkt im Harz eine Rolle gespielt hat, ist nicht eindeutig, da der Begriff des Blocksbergs gemeinhin einen Hexenberg beschrieben hat und nicht den Standort “Brocken”.

Der Hexenflug war noch vor den Versammlungsvorstellungen ein Motiv, welches man den Hexen zugeschrieben hat. Es lässt sich bis ca. 1000 zurückverfolgen, dass die mittelalterliche Bevölkerung an einen Hexenflug geglaubt hat. Insbesondere ist an dieser Stelle der Canon Episcopi des Abtes Regino von Prüm zu nennen. Werner Tschacher fasst den Inhalt kurz zusammen:

“Der nach dem ersten Wort seines lateinischen Texts benannte Kanon fordert die Bischöfe und ihre Mitarbeiter auf, also die als delegierte Richter auftretenden Archidiakone und Archipresbyter, in ihren Sprengeln Wahrsager und Zauberer zu ermitteln und zu entfernen. Er droht darüber hinaus jenen Frauen mit der Ausweisung aus dem Pfarrbezirk, die der als gottlosen Aberglauben gebrandmarkten Vorstellung anhingen, sie würden nachts im Gefolge der heidnischen Göttin Diana reiten.”
(Tschacher 2008).

Der Kanon beschreibt die Vorstellung des Hexenfluges als eine vom Teufel initiierte Täuschung der Frauen. Im 15. Jh., als der Hexenflug nicht mehr nur als Illusion verstanden wurde, sondern auch als reale Möglichkeit, geriet der Canon Episcopi in Konkurrenz zu anderen Traktaten und kirchenrechtlichen Schriften und wurde von Hexentheoretikern und Dämonologen abgelehnt (vgl. Tschacher 2008). Als Quelle zeigt er aber, dass die Vorstellung von fliegenden Frauen, auch wenn nur als Illusion interpretiert, bereits um das Jahr 1000 existent war. Der Hexenflug wurde mit weiteren Motiven gekoppelt, wie zum Beispiel mit der Hexensalbe. Die angeblich geheimen Versammlungen, die als antichristlich bzw. satanisch definiert wurden, wurden im Laufe der Zeit immer weniger von Männern und immer stärker von Frauen besucht. Auf das Jahr 1451 wird die erste schriftliche Quelle datiert, in der nur noch von weiblichen Hexen als Teilnehmer an den Versammlungen die Rede ist. Bei der Quelle handelt es sich um die Handschrift “Champion des Dames” von Martin Le Franc. Er bringt auch als erster das Bild von einer sich auf einem Besen fortbewegenden Frau an die Öffentlichkeit. Der Besen galt fortan als Transportmittel, um zum Hexensabbat zu gelangen. Der Text von Le Franc wurde zwischen 1485 und 1530, also in die Neuzeit hinein, gedruckt und verbreitet. Le Franc war es auch, der einen Zusammenhang zwischen Hexen und Katzen ausgemacht hat. Nach seiner Vorstellung zeigte sich der Teufel den Hexen in Gestalt eines Ziegenbockes oder einer Katze. Le Franc ergänzte das bis dahin gültige Bild eines Ketzers durch das Zauberei-Attribut (vgl. Gerst 2012, S. 58).

Die fünf Merkmale der Hexen als Grundlage der frühneuzeitlichen Verfolgungen
Die fünf Merkmale der Hexen sind der Hexenflug, die Teilnahme an Hexenversammlungen, der Pakt mit dem Teufel, der Geschlechtsverkehr mit dem Teufel und das Lernen und Praktizieren von Schadenszaubern. Ab ca. 1400 bilden diese 5 Wesensmale das bis in die Neuzeit reichende Hexenbild.

Der Hexenflug ist ein Konstrukt, welches bis etwa in das Jahr 1000 (Canon episcopi) zurückverfolgt werden kann. Dieses Merkmal wurde ca. 1430 mit der Idee des Dämonenpakts, der Verwendung von Hexensalben, Vorratsplünderungen, rituellem Kindsmord und Kannibalismus kombiniert. Dies ist in der Chronik des Hans Fründ aus Luzern nachzulesen. Die Vorwürfe spielten vermutlich in den ersten Hexenprozessen im Wallis eine wesentliche Rolle.

Kurze Zeit später beschreibt Johannes Nider in seiner Schrift “Formicarius” Zeugenaussagen aus dem Simmental, die über ähnliche Praktiken einer Gruppe berichten. Sie behaupten, kirchliche Rituale nachgeahmt und ins Gegenteil verdreht zu haben. Diese Gruppe galt fortan als eine Sekte mit gegenkirchlichen Tendenzen. Das Bündnis mit dem Teufel verband sie dazu. Im gleichen Zeitraum wurde ein anonymer Text, das Errores gazariorum, verfasst, in welchem erstmals davon berichtet wird, dass sexuelle Orgien in geheimen Zusammenkünften und unter der Führung des Teufels stattfinden würden. Kathrin Utz Tremp geht vom “kumulativen Konzept der Hexerei” aus und bezieht sich auf diese anonyme Schriftquelle, wenn sie sagt:

” (…) dann lassen sich häretische und magische Elemente unterscheiden. Zu den häretischen Elementen zählen die Einführung in die Sekte, der Pakt, die nächtliche Versammlung, die Organisation der Sekte und der Hypokrisievorwurf, zu den magischen der Flug der Hexen und Hexer zum Sabbat, die maleficia (insbesondere der Kindsmord) und die Motive, der Sekte beizutreten (Rach- und Genusssucht sowie sexuelle Gelüste). Selbst der Titel des Traktats ist nicht zufällig, er lässt sich nämlich auf die Katharer zurückführen, indem „Gazarii“ eine vor allem im norditalienischen Raum nachweisbare Gruppierung von Katharern ist (Ostorero 1999, S. 301-303). Die Häresie der Katharer hat denn auch Wichtiges zum Konzept der Hexerei beigetragen, selbst wenn sie zu Beginn des 14. Jahrhunderts als ausgerottet galt.”
(Tremp 2008).

1436 verfasste der Richter Claude Tholosan in Dauphiné ein juristisches Gutachten, mit dem er belegen wollte, dass die angeblichen Praktiken der Hexen am Hexensabbat eine Form der Majestätsbeleidigung wären, um so eine Verfolgung durch weltliche Behörden zu legitimieren. 1451 erschien dann “Champion des Dames” von Martin Le Franc, in welchem ein ausführliches Hexenkonstrukt zu finden war. Diese Quellen sind alle zeitnah und räumlich nah beieinander entstanden und beinhalten die grundlegenden Motive der Hexen im Allgemeinen und des Hexensabbats im Speziellen. Dieses Hexenbild hat die Folgezeit nachhaltig geprägt und aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Prozesse und Vorstellungen in der Harz-Region beeinflusst.

Zu konstatieren bleibt, dass es bereits vor der Zeit der großen Hexenverfolgung eine Erzähltradition gegeben hat, in der zwar nicht ausdrücklich der Harzer Brocken erwähnt wird, wohl aber ähnlich klingende Benennungen vorkommen, die mehr oder weniger magisch konnotierte Vorstellungen beinhalten. Was im 19. Jahrhundert entdeckt wurde, wurde aus einer bestimmten Sichtweise heraus interpretiert. Darum sind die bisherigen Erkenntnisse mit Vorsicht zu genießen. Es ist vor allem zu beachten, dass die Forscher des 19. Jh. den Harzer Brocken bereits als Hexenberg kannten. Dieses Wissen ist nahezu einladend, sämtliche vorneuzeitlichen oder frühneuzeitlichen Bergnamen, die ähnlich dem „Brocken“ klingen und im Kontext abergläubischer Phänomene stehen, als Beschreibungen für den Harzer Brocken auszulegen. Erst durch literarische Rezeptionen wurde der Brocken als Blocksberg / Hexenberg bekannt. Zur Zeit der Hexenverfolgungen hat er keine große Rolle gespielt. Goethe, Praetorius und anderen Autoren ist es zu verdanken, dass der Brocken heute ein Hexenberg ist. Dies ist allerdings eine andere Geschichte …

Verwendete Literatur und Quellen
Behringer, Wolfgang (2010): Christliches und magisches Weltbild im Widerstreit. In: Wolfgang Behringer (Hrsg.): Hexen und Hexenprozesse in Deutschland. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 21-52.

Behringer, Wolfgang (2009): Hexen. Glaube, Vernunft, Vermarktung. München: C. H. Beck.

Dillinger, Johannes (2007): Hexen und Magie. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Dittmer, Georg Wilhelm (1843): Das Sassen- und Holsten-Recht: In praktischer Anwendung auf einige im 16ten Jahrhunderte vorgekommene Civil- und Criminalfälle. Lübeck: Von Rohden Verlag

Gerst, Christoph (2012): Hexenverfolgung als juristischer Prozess. Das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel im 17. Jahrhundert. Göttingen: V & R unipress.

Grimm, Jakob & Grimm, Wilhelm (1854): Deutsches Wörterbuch. Leipzig: Hirzel Verlag. Stichwort: Brocken.

Hofmann, Konrad (1868): Bemerkungen zum Nachtsegen.vIn: Ohne Autor: Sitzungsberichte der königlich-bayrischen Akademie der Wissenschaften. Band II. München: J. G. Weiss, S. 159-172.

Hofmann, Konrad (1867): Eine mitteldeutsche Beschwörungsformel. In: Ohne Autor: Sitzungsberichte der königlich-bayrischen Akademie der Wissenschaften. Band II. München: J. G. Weiss, S. 01-18.

Klaniczay, Gábor (1993): Der Hexensabbat im Spiegel von Zeugenaussagen in Hexen-Prozessen. In: Kea. Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Bd. 5, S. 31–54.

Tremp, Kathrin Utz (2008): Häresie und Hexerei. URL: https://www.historicum.net/themen/hexenforschung/lexikon/sachbegriffe/art/Haeresie_und_He/html/artikel/5936/ca/6614c7f73c4cc65920f7ad610505927e/ [21.02.2014].

Tschacher, Werner (2008): Canon Episcopi. URL: https://www.historicum.net/themen/hexenforschung/lexikon/sachbegriffe/art/Canon_Episcopi/html/artikel/5851/ca/4b2a73dfe21c9c6b77caa1a37566eedf/ [21.02.2014].

Von Grienberger, Thomas (1897): Der Münchener Nachtsegen. In: ZEITSCHRIFT FÜR DEUTSCHES ALTERTUMUND DEUTSCHE LITERATUR. Heft 41, S. 335-363.

Von Fallersleben, Heinrich Hoffmann (1829): Segenssprüche und Beschwörungsformeln. In: Monatsschrift von und für Schlesien. Jg. 01, Bd. 2, S. 751-766.

Geschrieben von Christoph Eydt

2 Comments On This Topic
  1. Gaby Wrage
    on Apr 10th at 18:31

    Ausgezeichneter aufklärender Geschichts- und Kulturunterricht in excellenter Schreibweise.

    • Eva-Christin Ronkainen
      on Apr 29th at 09:46

      Das finden wir :-) Hat der Autor wirklich klasse gemacht!


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